Archiv für den Monat Juli 2013

Sommer in Sibirien – Deutschland kann sich warm anziehen!

Standard

Ohne Worte ❤

Dieses Foto habe ich letzten Sonntag gegen 9:30 Uhr gemacht. Das „I ❤ Tomsk“ wurde ein paar Tage vor Pavels Abfahrt in den bösen russischen Wald aufgestellt. Wir haben uns entschieden ein Foto damit später zu machen, wenn er wieder da ist. Denn es war ja nicht zu erwarten, dass das gute Stück so schnell wieder von der Bildfläche verschwinden würde. Doch eventuell war die Entscheidung nicht so gut. Wenn ihr genau hinseht solltet ihr erkennen, dass die Fläche genau vor dem Schriftzug ziemlich hell aussieht: Der Rasen ist völlig plattgelatscht und vertrocknet. Es grenzt auch beinahe an ein Wunder, dass ich hier ein Foto machen konnte, ohne dass hysterische Menschen davor stehen und sich darum streiten wer denn zuerst mit dem Knipsen dran ist. Aber das ist vielleicht der unchristlichen Uhrzeit geschuldet, zu der dieses Foto entstanden ist.

Ich war zu dem Zeitpunkt – gar nicht unchristlich – auf dem Weg zur evangelischen Kirche. Nachdem ich eine Woche zuvor schon einen Abendgottesdienst der lutherischen Gemeinde zusammen mit Natascha besucht hatte, wollte ich nun einen deutschen Gottesdienst der evangelischen Gemeinde erleben. Auf Deutsch war der Gottesdienst dann leider doch nicht, da ein anderer Pfarrer dort war. Da er aber kein Russe war, konnte ich seinem russischen Gottesdienst ganz gut folgen und nachdem ich nun schon zum zweiten Mal „Vater unser“ und Glaubensbekenntnis auf russisch hörte, fiel es mir leichter etwas zu verstehen. Es waren ziemlich viele Menschen dort, aber fast nur Frauen. Man drückte mir direkt 3 (!) dicke Bücher und zwei Zettel in die Hand: Bibel auf deutsch und je ein russisches und ein deutsches Gesangbuch; ein russischer Zettel mit dem Ablauf der Liturgie und ein kleiner Zettel auf Deutsch mit den zu singenden Liedern. Einige davon wurde auf deutsch, einige auf russisch gesungen. „Lobe den Herren“ sang die Gemeinde zum Schluss auf russisch. Ich hoffe mein deutsches Geplärre hat nicht zu sehr gestört 🙂 Schön war auf jeden Fall, dass offensichtlich in jedem Gottesdienst „Friede sei mit dir“ – „Мир тебе“ gesagt wird. Das heißt jeder gibt jedem die Hand und wünscht ihm Frieden. Mittlerweile kann ich das also auch schon auf russisch. Vielleicht bin ich nächsten Sonntag mal ein bisschen dreist und sag es einfach auf deutsch. Soweit ich es mitbekommen habe sprechen alle ein bisschen deutsch. Jedenfalls haben sie lautstark die Deutschen Lieder mitgesungen. Überhaupt singt die Gemeinde viel lauter als bei uns. In Deutschland scheint singen irgendwie aus der Mode gekommen, beziehungsweise in eine Peinlichkeitsecke gedrängt worden zu sein. Sehr schade…

Man war jedenfalls sehr nett zu mir und hat mich gebeten doch nächste Woche wieder zu kommen. Und ich wurde direkt gefragt was ich hier mache, wie lange ich schon in Tomsk bin, etc. pp. Ich spiele mit dem Gedanken mal zu fragen ob sie Interesse an einem „Deutschen Abend“ hätten. Man könnte ein paar deutsche Lieder singen und ich könnte etwas über die evangelische Kirche in Deutschland erzählen. Vielleicht lässt sich sowas mal vor Weihnachten organisieren. Das Interesse wäre ganz sicher da.

Nach dem Gottesdienst war ich richtig gut drauf. Es ist doch schön wenn es eine Sache gibt, die die Menschen zusammenschweißt und durch die man überall auf der Welt sofort freundlich aufgenommen wird. Nächsten oder übernächsten Sonntag gibt es dann tatsächlich einen Gottesdienst auf Deutsch. Also habe ich jetzt quasi einen sonntäglichen Pflichttermin 🙂

Fotos aus dem Innenraum der Kirche kann ich leider nur nachreichen, da mein Kartenlesegerät kaputt ist und ich die Fotos mit meiner Kamera gemacht habe.

Zum ungefähr 10. Mal wird hier gebuddelt. Genau an dieser Stelle sackt immer wieder der Straßenbelag ab wenn sie das Loch dann zugeschüttet und asphaltiert haben. Dass man hier nach einem wirklich heftigen Regentag anfängt zu baggern, ist aber schon eine Meisterleistung. Genau an dieser Stelle brach sich übrigens Ende März O.O. ihren Fuß. Was noch anzumerken ist: Einer arbeitet – zehn stehen rum und gucken zu. That´s Russia!

So sieht es jetzt am Tschechov-Denkmal mit Blick auf den Tom aus. Kaum zu glauben, dass hier vor einigen Monaten das Eis bis an die obere Kante stand. Als das Eis aufgesprengt wurde stand das Eis teilweise bis zu dem Punkt, wo der kleine Mann mit der rote Mütze steht. Mittlerweile geht das Wasser ein bisschen zurück und dort wo die vielen Menschen stehen ist sogar schon Sand. Man könnte sich also „theoretisch“ in die Fluten stürzen.

Für mein ökologisches Gewissen ist das ja eine Schande, aber die kleinen Büchsen erinnern mich irgendwie immer an meine Kindheit. Da es hier kein Pfand gibt, sind sie auch Gang und Gebe. Am Kiosk kostet eine Dose Pepsi Cola umgerechnet etwa 65 Cent, ungefähr so viel wie ein Blini ohne Füllung.
Das Wetter hier ist seit Wochen sehr gut. Immer so um die 25-30 Grad und Sonne oder bedeckter Himmel. Sobald man vor die Tür geht und sich ein bisschen bewegt schwitzt man und es gibt kaum eine Möglichkeit sich abzukühlen. Eigentlich fast ein Schock für mich. Noch in Deutschland dachte ich immer, dass ein sibirischer Winter mit Temperaturen zwischen -10 und +10 Grad aufwartet. Achja…diese Vorurteile…
In 3 Tagen kommt Pavel aus dem Wald zurück und in 2 Wochen starten wir unseren Trip nach Europa/Deutschland. Wir werden am 7. August mit dem Bus nach Novosibirsk zum Flughafen fahren. Am Morgen des 8. August geht dann unser Flug mit Ukraine Airlines über Kiev nach Berlin, wo wir gegen Mittag landen werden. Dann holt uns hoffentlich irgendwer vom Flughafen ab und wir werden Heiligenfelde und Umgebung unsicher machen, bevor es dann am 10. August nach Barcelona geht.

 

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Kurzmitteilung
Eine Menge ist passiert seit dem mich sowohl die letzten deutschen Kommilitonen, als auch Pavel + Co. in Tomsk zurückgelassen haben. Ich habe viel für meine Masterarbeit geschafft, aber auch einige interessante Dinge erlebt. Beides ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass ich sehr viel Zeit habe, diese aber nur so selten wie möglich im Wohnheim verbringen möchte. Denn: Das liebe Geld hat mich dazu getrieben in ein Doppelzimmer umzuziehen. Der Altmärker würde dazu sicherlich sagen: Hasste jut jemacht mijn Mädel. Ich sehe das genauso, allerdings ist die kommunikative Ausbeute des ganzen eher gering, was zu einer eher miesen Stimmung führt. Ja, es könnte alles so schön sein. Die Situation trägt nicht unbedingt zur Völkerverständigung bei (das zweite Bett in meinem Zimmer ist NICHT von einer Russin belegt, nur um gleich mal alle negativen Gedanken in diese Richtung zu verhindern).
Schnee im Juli? – Pollen, Pollen, Pollen. Überall! So schön es auch aussieht, ich bin froh dass es mittlerweile geregnet hat.

Aber nun gut. Man kann sich daran erquicken oder daran zugrunde gehen wie man will: Ich habe Hobbys und Freunde. Das ist gut, denn das schützt mich davor die Situation unnötig überzuinterpretieren wie ich es gern tue. Was habe ich also erlebt in den letzten 10 Tagen. Zuerst einmal habe ich Rieke (die letzte Deutsche) zum Flughafen gebracht. Der Rückweg verlief nach kurzer Diskussion ob wir den Bus oder ein Taxi nehmen sollen in etwa so:

Caro läuft zum ersten Taxi. Taxifahrer sitzt im Taxi.

Caro: Sind sie frei? – Antwort: Ja

Caro: Was kostet die Fahrt nach Tomsk? – 600 Rubel (15 Euro)

Caro dreht sich weg und geht zum nächsten Taxi…

Caro: Sind sie frei? – Ja – Was kostet die Fahrt nach Tomsk? – 600 Rubel – Zu teuer!

Caro geht zum nächsten Taxi.

Caro: Sind sie frei? – Nein.

Caro geht – langsam etwas verzweifelt – zum nächsten Taxi…

Caro: Sind sie frei? – Ja. – Was kostet die Fahrt nach Tomsk? – 600 Rubel – Zu teuer!

Caro dreht sich um und will gerade drei Schritte gehen, da hört sie den

Taxifahrer: 500 Rubel!!! –

Caro: Nein! Zu teuer.

Taxifahrer: Was denken sie denn? Machen sie einen Preisvorschlag!

Caro: 400 Rubel.

Taxifahrer: Ach habt euch nicht so. Steigt ein. Sagt 500 und gut. Los los.

Caro: Es kostet immer 400 Rubel. Wir sind keine Touristen!

Taxifahrer: Aber ihr habt doch noch Gepäck dabei. Dann sind 500 Rubel ok.

Caro: Wir haben kein Gepäck. Wir sind keine Touristen. 400 Rubel!

Taxifahrer: Los, steigt ein.

Caro: 400 Rubel?

Taxifahrer: Ja, gut. Ok.

Wir steigen ein und er war sogar nett und ein bisschen gesprächig. Und das um 6 Uhr morgens 😀

Mein Verhandlungsgeschick wird hier also auf eine harte Probe gestellt. Aber wenn man weiß wie viel der Spaß normalerweise kostet lässt man sich ja nicht mehr so übers Ohr hauen. Vor allem wenn man für den Bus nur 15 Rubel (33 Cent) bezahlt hätte (Ich hatte keine Lust um die frühe Uhrzeit mit meiner Begleitung über die Wahl unseres Verkehrsmittels zu diskutieren. Allein hätte ich wohl den Bus genommen.)

Gestern war der 07.07.2013. Vor genau 6 Jahren habe ich mein Abizeugnis übergeben bekommen. Erschreckend, wie schnell die Zeit vergeht. Aber es gibt auch noch von aktuellen Ereignissen zu berichten:

1) Am Lagernij sad (Garten) war ein Jazz Picnic. Am Samstag Abend war ich mangels williger Begleitpersonen allein für 2 Stunden dort und lauschte der Livemusik vor grandioser Kulisse. Am Sonntag traf ich mich dann dort mit einer russischen Studentin aus dem Buddy Building Club. Sie war mit einigen Freunden da. Also hatte ich mal wieder Kontakt zu neuen Leuten.
Konzert am Lagernij sad am Samstag Abend.

2) Am Sonntag fand im Deutsch-Russischen Haus ein kurzes Meeting von Russlanddeutschen Vereinigungen der Region Tomsk und offiziellen Angehörigen der Gebiets- und Stadtadministration mit dem Beauftragten des Bundestages für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Herrn Dr. Christoph Bergner statt. Der ehemalige Ministerpräsident meines schönen Heimatbundeslandes fand also den Weg nach Tomsk. Ich erfuhr eher zufällig davon, war dann aber sehr glücklich über die Abwechslung und habe mich sogar kurz mit ihm unterhalten. Er hat mir versprochen Grüße an die Altmark auszurichten. Von der inhaltlichen Seite war das Treffen eher mager. Die Russen haben meiner Meinung nach einen Hang dafür das ganze formell zu gestalten und unnötig aufzubauschen, so dass am Ende kaum Zeit für die wichtigen Fragen bleibt. Das Russisch-Deutsche-Haus wird mich aber noch ein paar Mal zu Gesicht bekommen. Ich hoffe sehr, dass man demnächst mal eine Homepage einrichtet und alle dort stattfindenden Termine zentral listet.

3) Der 07.07. ist Iwan-Kupala-Tag. An diesem Tag bespritzen sich alle mehr oder weniger sinnlos mit Wasser. Warum genau, kann einem hier niemand erklären. Es hat irgendwas mit der Sommersonnenwende zu tun (hier gibts mehr Infos auf russisch). Jedenfalls hatte ich im Vorfeld einiges darüber gehört und war bei meinem Rückweg vom Jazz Konzert gegen 22 Uhr schon etwas traurig, von der Wasserplanscherei gar nichts gesehen zu haben. Und da geschah es: Ich wartete an einer Kreuzung auf das grüne Ampelzeichen und schwups, wurde ich aus einem vorbeifahrenden Auto mittels Wasserpistole nass gespritzt. Ich muss echt blöd geguckt haben, denn ich habe mich wirklich gefreut, dass es doch noch passiert ist. In Deutschland würde man sich wahrscheinlich das Kennzeichen merken und die Polizei rufen… Danach sah ich noch mehrere Autos aus denen Leute mit Wasserpistolen auf Fußgänger gefeuert haben. Bei dem tollen Wetter war das wirklich angenehm!

 

Алле зинд вэк… – Alle sind weg…