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Kurzmitteilung
Eine Menge ist passiert seit dem mich sowohl die letzten deutschen Kommilitonen, als auch Pavel + Co. in Tomsk zurückgelassen haben. Ich habe viel für meine Masterarbeit geschafft, aber auch einige interessante Dinge erlebt. Beides ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass ich sehr viel Zeit habe, diese aber nur so selten wie möglich im Wohnheim verbringen möchte. Denn: Das liebe Geld hat mich dazu getrieben in ein Doppelzimmer umzuziehen. Der Altmärker würde dazu sicherlich sagen: Hasste jut jemacht mijn Mädel. Ich sehe das genauso, allerdings ist die kommunikative Ausbeute des ganzen eher gering, was zu einer eher miesen Stimmung führt. Ja, es könnte alles so schön sein. Die Situation trägt nicht unbedingt zur Völkerverständigung bei (das zweite Bett in meinem Zimmer ist NICHT von einer Russin belegt, nur um gleich mal alle negativen Gedanken in diese Richtung zu verhindern).
Schnee im Juli? – Pollen, Pollen, Pollen. Überall! So schön es auch aussieht, ich bin froh dass es mittlerweile geregnet hat.

Aber nun gut. Man kann sich daran erquicken oder daran zugrunde gehen wie man will: Ich habe Hobbys und Freunde. Das ist gut, denn das schützt mich davor die Situation unnötig überzuinterpretieren wie ich es gern tue. Was habe ich also erlebt in den letzten 10 Tagen. Zuerst einmal habe ich Rieke (die letzte Deutsche) zum Flughafen gebracht. Der Rückweg verlief nach kurzer Diskussion ob wir den Bus oder ein Taxi nehmen sollen in etwa so:

Caro läuft zum ersten Taxi. Taxifahrer sitzt im Taxi.

Caro: Sind sie frei? – Antwort: Ja

Caro: Was kostet die Fahrt nach Tomsk? – 600 Rubel (15 Euro)

Caro dreht sich weg und geht zum nächsten Taxi…

Caro: Sind sie frei? – Ja – Was kostet die Fahrt nach Tomsk? – 600 Rubel – Zu teuer!

Caro geht zum nächsten Taxi.

Caro: Sind sie frei? – Nein.

Caro geht – langsam etwas verzweifelt – zum nächsten Taxi…

Caro: Sind sie frei? – Ja. – Was kostet die Fahrt nach Tomsk? – 600 Rubel – Zu teuer!

Caro dreht sich um und will gerade drei Schritte gehen, da hört sie den

Taxifahrer: 500 Rubel!!! –

Caro: Nein! Zu teuer.

Taxifahrer: Was denken sie denn? Machen sie einen Preisvorschlag!

Caro: 400 Rubel.

Taxifahrer: Ach habt euch nicht so. Steigt ein. Sagt 500 und gut. Los los.

Caro: Es kostet immer 400 Rubel. Wir sind keine Touristen!

Taxifahrer: Aber ihr habt doch noch Gepäck dabei. Dann sind 500 Rubel ok.

Caro: Wir haben kein Gepäck. Wir sind keine Touristen. 400 Rubel!

Taxifahrer: Los, steigt ein.

Caro: 400 Rubel?

Taxifahrer: Ja, gut. Ok.

Wir steigen ein und er war sogar nett und ein bisschen gesprächig. Und das um 6 Uhr morgens 😀

Mein Verhandlungsgeschick wird hier also auf eine harte Probe gestellt. Aber wenn man weiß wie viel der Spaß normalerweise kostet lässt man sich ja nicht mehr so übers Ohr hauen. Vor allem wenn man für den Bus nur 15 Rubel (33 Cent) bezahlt hätte (Ich hatte keine Lust um die frühe Uhrzeit mit meiner Begleitung über die Wahl unseres Verkehrsmittels zu diskutieren. Allein hätte ich wohl den Bus genommen.)

Gestern war der 07.07.2013. Vor genau 6 Jahren habe ich mein Abizeugnis übergeben bekommen. Erschreckend, wie schnell die Zeit vergeht. Aber es gibt auch noch von aktuellen Ereignissen zu berichten:

1) Am Lagernij sad (Garten) war ein Jazz Picnic. Am Samstag Abend war ich mangels williger Begleitpersonen allein für 2 Stunden dort und lauschte der Livemusik vor grandioser Kulisse. Am Sonntag traf ich mich dann dort mit einer russischen Studentin aus dem Buddy Building Club. Sie war mit einigen Freunden da. Also hatte ich mal wieder Kontakt zu neuen Leuten.
Konzert am Lagernij sad am Samstag Abend.

2) Am Sonntag fand im Deutsch-Russischen Haus ein kurzes Meeting von Russlanddeutschen Vereinigungen der Region Tomsk und offiziellen Angehörigen der Gebiets- und Stadtadministration mit dem Beauftragten des Bundestages für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Herrn Dr. Christoph Bergner statt. Der ehemalige Ministerpräsident meines schönen Heimatbundeslandes fand also den Weg nach Tomsk. Ich erfuhr eher zufällig davon, war dann aber sehr glücklich über die Abwechslung und habe mich sogar kurz mit ihm unterhalten. Er hat mir versprochen Grüße an die Altmark auszurichten. Von der inhaltlichen Seite war das Treffen eher mager. Die Russen haben meiner Meinung nach einen Hang dafür das ganze formell zu gestalten und unnötig aufzubauschen, so dass am Ende kaum Zeit für die wichtigen Fragen bleibt. Das Russisch-Deutsche-Haus wird mich aber noch ein paar Mal zu Gesicht bekommen. Ich hoffe sehr, dass man demnächst mal eine Homepage einrichtet und alle dort stattfindenden Termine zentral listet.

3) Der 07.07. ist Iwan-Kupala-Tag. An diesem Tag bespritzen sich alle mehr oder weniger sinnlos mit Wasser. Warum genau, kann einem hier niemand erklären. Es hat irgendwas mit der Sommersonnenwende zu tun (hier gibts mehr Infos auf russisch). Jedenfalls hatte ich im Vorfeld einiges darüber gehört und war bei meinem Rückweg vom Jazz Konzert gegen 22 Uhr schon etwas traurig, von der Wasserplanscherei gar nichts gesehen zu haben. Und da geschah es: Ich wartete an einer Kreuzung auf das grüne Ampelzeichen und schwups, wurde ich aus einem vorbeifahrenden Auto mittels Wasserpistole nass gespritzt. Ich muss echt blöd geguckt haben, denn ich habe mich wirklich gefreut, dass es doch noch passiert ist. In Deutschland würde man sich wahrscheinlich das Kennzeichen merken und die Polizei rufen… Danach sah ich noch mehrere Autos aus denen Leute mit Wasserpistolen auf Fußgänger gefeuert haben. Bei dem tollen Wetter war das wirklich angenehm!

 

Алле зинд вэк… – Alle sind weg…

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Hamburg – Moskau – Tomsk

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Ich bin wieder in Tomsk angekommen. Aber vorher hatte ich eine suuuuper Zeit in Moskau. Es war soooo schön. Nach 11 (!!!) Jahren habe ich Olga wieder getroffen und ihre Familie ist so lieb. Es war herrlich und ich wusste direkt warum mein Aufenthalt in Deutschland nur zwei Wochen gedauert hat. Natürlich ist es schön in Deutschland und natürlich war es schön meine Familie zu sehen, von der Traufe in Seehausen ganz zu schweigen. Aber Russland hat doch irgendwie eine beruhigende Wirkung auf mich und irgendwie fühle ich mich hier wohl. Es ist ein ganz anderes Wohlgefühl als in Spanien. Vielleicht weil ich dort nicht so viel verstehe. Vielleicht aber auch weil mir die Art und Weise der Menschen in Russland lieber ist. Spanien ist super – für den Urlaub. Das was ich jetzt hier in Tomsk habe fühlt sich aber nicht an wie Urlaub, sondern wie das Leben 😉
Was ich in Moskau so getrieben hab?

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Die beiden letzten Fotos sind wieder in Tomsk entstanden. Ich hoffe ihr könnt sehen dass ich ein bisschen braun geworden bin und der Sommer hier locker mit dem schrecklichen Auf und Ab in Deutschland mithalten kann. Rieke fliegt am Dienstag nach Hause. Dann bin ich die letzte Deutsche hier im Wohnheim…

 

Einmal Tomsk – Berlin bitte!

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Vier Monate gingen schneller vorbei als mir lieb war.
Ich habe mein Russisch verbessert, Sibirien erkundet und eine Menge netter Menschen kennen und lieben gelernt.
Seit 10 Tagen bin ich nun wieder in Deutschland. Der vermutete Kulturschock lässt noch auf sich warten. Kaum etwas hat sich verändert, nur die Natur ist unglaublich grün. Es gibt eine neuen FünfEuroSchein und ein paar neue Songs im Radio. Darüber hinaus hat sich aber kaum etwas getan.
Mein Zimmer im Wohnheim in Tomsk musste ich vorerst komplett räumen. Viele meiner Klamotten warten bei Rieke und Christin auf meine Rückkehr am 11. Juni. Vielleicht ist es auch deshalb nicht ganz so besonders, in Deutschland zu sein – Ich weiß, dass ich Tomsk und Russland in Kürze wieder sehen werde. Darum hält sich das Abschiedsgefühl noch in Grenzen.
Bevor ich ohne sibirische Bären und alkoholisierte Russen in Berlin eingetroffen bin, waren aber knapp 6000 km Luftlinie zu überwinden.

Reiseabschnitt 1: Tomsk – Moskau

Das Taxi wurde zum Glück für mich bestellt, so dass ich mich am Tag zuvor nicht auch noch darum kümmern musste. Der Abschiedsschmerz war ja auch so schon groß genug. Also ging es mit dem Taxi um 5:30 zum Flughafen, der sich etwa 20-30 Fahrminuten entfernt befindet. Das Auto war eine olle Klapperkiste, aber sonst lief alles ganz gut. Angekommen am Fughafen, konnte ich schnell einchecken. Mein Koffer war 2,5 kg zu schwer und ich sollte dafür zusätzliche Gebühren zahlen. Aber ich hatte ja Rieke und Eilyne als Unterstützung dabei. Als ich eine Flasche Sekt zum Vorschein brachte und in einer überschwänglichen Geste an Rieke überreichte, fasste sich die Servicemitarbeiterin ein Herz und gab mir zu verstehen, dass ich die Flasche wieder in den Koffer tun könne und alles ok sei. Sie würde ein Auge zudrücken. Schön. Und wieder lernen wir: Emotionen bringen uns im Reich der Bären und Tiger schneller und effizienter ans Ziel. Nachdem ich meinen Koffer dann los war, konnte ich beinahe direkt durch die Handgepäckkontrolle laufen und hier trennten sich die Wege von Eilyne und mir nun nach 4 Monaten. Es war komisch sich zu verabschieden und zu wissen, dass sie bei meiner Rückkehr nicht mehr hier sein würde.

Ich konnte direkt zum schon begonnenen boarding gehen. Ich hatte Sitzplatz 24c. Das war dummerweise in der letzten Reihe am Gang. Genau! Da wo die Toiletten sind! Ich flog zum ersten Mal mit UTair, aber auf Grund der Innovationskonsultation in Tomsk war das Flugzeug voll mit Businessmen. Neben mir nahmen 2 Herren Platz und ich beobachtete beim Einnehmen der Sitzplätze eine komische Situation: zwei Reihen vor uns setzte sich eine Dame mit Platz Nummer 19f ebenfalls an den Gang und nicht ans Fenster. Als dann die Passagiere mit den Nummern 19d und e kamen, waren diese nach Konsultation mit der Frau einig, dass sie den Fensterplatz hätten. Ich dachte mir nichts weiter dabei, fand die Stuation aber komisch. Denn logisch wäre ja: (Fenster) a b c (Gang) d e f (Fenster). Nungut. Wir starteten pünktlich um 7 Uhr vom Tomsker Flughafen und ich hatte einen tollen Ausblick über die Stadt. Mir stand ein etwa 4,5 stündiger Flug bevor. Also versuchte ich es mir zwischen männlicher Schulter und Toilettengang so bequem wie möglich zu machen. Die Sitze konnte man leider nicht zurück klappen da wir in der letzten Reihe saßen. Die Personen vorher machten von dieser tollen Technik aber vollends Gebrauch. So eingequetscht, verschlief ich etwa 2 Stunden und wurde wieder wach, als ich nach Hühnchen oder Fleisch gefragt wurde. Ich entschied mich fürs Hühnchen, denn ich hatte Hunger und wollte nicht komplett ablehnen. Neben dem Hühnchen fand ich ein paar essbare Kartoffeln und ein trockenes Brötchen, welches diesen Namen eigentlich nicht verdient hat. Etwa eine Stunde später gab der Pilot zu verstehen, dass wir noch 50 Minuten bräuchten obwohl wir eigentlich schon in 15 Minuten in Vnukovo hätten landen sollen. Ich verstand noch was mit „Domodedevo“ und „geschlossen“ und das war's. Ich reimte mir zusammen, dass wir wahrscheinlich in Domodedevo landen würden, weil Vnukovo gesperrt wäre. Da ich aber eigentlich 6 Stunden Aufenthalt in Vnukovo bis zu meinem Weiterflug nach Berlin gehabt hätte, machte ich mir erstmal weniger Sorgen um das weitere Vorgehen. Alle Russen blieben ruhig und somit sah ich keinen Anlass zur Beunruhigung. Etwa 45 Minuten später gab der Kapitän bekannt, dass wir in 15 Minuten in Domodedevo landen würden und Vnukovo immernoch gesperrt sei. Ich fragte dann meinen Sinachbarn warum wir nicht in Vnukovo landen. Er sagte: „Wetter“. Ein Wort und nichts weiter. Und das obwohl ich in meinem besten Russisch gefragt hatte. Hilfsbereitschaft war von dem Herrn also nicht zu erwarten. Als wir landeten saßen wir schon 6 Stunden im Flugzeug. Meine Umsteigezeit schmolz dahin. Ich hatte noch etwa 4 Stunden Zeit um von Domodedevo nach Vnukovo zu kommen. Per sms Kontakt nach Tomsk konnte ich in Erfahrung bringen, dass mein Lufthansaflug normal in Vnukovo starten würde und ein Taxi nach Vnukovo 50 Euro kosten und bis zu 3 Stunden brauchen könnte, wohl aber die beste Shuttleoption wäre. Noch saß ich aber im Flugzeug. Und das noch eine ganze Weile. Nach 7 Stunden auf diesem unsäglichen Sitzplatz entließen uns um 11 Uhr Moskauer Zeit die Stewards (da war sogar der wohl erste heterosexuelle Steward den ich je getroffen habe dabei) in das Gewusel des Hauptstadtflughafens, der durch eine Reihe von Flugumleitungen völlig überfüllt war. Wir hatten auf einem sehr provisorisch anmutenden Parkplatz geparkt – wie noch etwa 5 andere Maschinen.

Reiseabschnitt 2: Moskau Domodedewo – Vnukowo

Raus aus dem Fieger, rein ins Chaos. Nirgends war jemand zu sehen, den man hätte ansprechen und fragen können, was denn nun weiter passiert. Ich hatte zwei unterschiedliche Airlines gebucht weshalb auch niemand zuständig gewesen wäre. UTair hat mich ja nach Moskau gebracht, nur eben an einen anderen Fughafen und Lufthansa konnte ja nichts für die Umleitung. Also erstmal auf den Koffer warten. Das dauerte ungefähr 45 Minuten und der Flug kam laut Lautsprecherdurchsagen und Anzeigetafel auch nicht aus Tomsk, sondern aus Novosibirsk. Scheinbar waren alle ein bisschen überfordert. Als ich meinen Kopfer dann endlich in Händen hielt, war ich ein bisschen überfordert: was jetzt? Es waren noch knapp 3 Stunden bis zum Abflug meines Fluges von Moskau Vnukovo nach Berlin. Zuerst ging ich voll bepackt zum Schalter von Lufthansa (Airline meines Weiterfluges) und fragte dort, was ich tun könnte. Man sprach etwas Englisch, konnte mir aber logischerweise nicht weiterhelfen. Man war ja nicht Schuld an der Umleitung und empfahl mir ein Taxi zu nehmen oder den Flug umzubuchen, so dass ich von Domodedevo hätte fliegen können. Das kam aber beides nicht in Frage. Also ging ich zum allgemeinen Infoschalter des Flughafens und fragte dort nach dem Servicepoint von UTair. Dort angekommen, wartete ich etwa 5 Minuten in einer Schlange um dann zu erfahren, dass die Service Mitarbeiterin kein Englisch sprach und ich mich doch an eine andere Schlange anstellen solle. Es hatte keinen Zweck danach noch auf russisch zu versuchen ihr mein Problem mitzuteilen. Es war ihr sichtlich zu kompliziert mit jemandem zu kommunizieren, der nicht perfekt russisch sprach. Also stellte ich mich brav an die nächste Schlange. Dort beschwerte sich schon lauthals ein kleiner Pulk Menschen. Ich hörte nur „Vnukovo“ und „Autobus“. Daraufhin fragte ich einen nett wirkenden Mann vor mir, ob es darum ginge einen Bus nach Vnukovo zu organisieren und ob sie auch dort hin fahren würden. Er bejahte und ab da an hielt ich mich an ihn und seine Familie. Keiner fragte nach meinem Flugticket oder meinem Pass, ich rannte einfach hinter der Gruppe her um mich dann mit ihnen in einen kleinen Bus zu quetschen, der von der Arline organisiert wurde. Es war kaum möglich sich darin zu bewegen. Ein Mann fragte den Busfahrer, wie lange wir für die Fahrt brauchen würden (scheinbar musste nicht nur ich einen Weiterflug erreichen): Wenn es Stau gäbe bräuchten wir etwa 2 Stunden. Wenn es keinen Stau gäbe könnte man es auch in einer halben Stunde schaffen. Ich hatte noch 2 Stunden und 45 Minuten bis zum Abflug meines Fluges. 40 Minuten vor Abflug schließen in der Regel die Ceck in Schalter.

Ich kam in den Genuss, einiges von Moskau zu sehen. Große Wohnhäuser, die Stadtautobahn und einen IKEA. Ansonsten war die Fahrt der reinste Horror. Ich konnte meine Kniee kaum noch spüren und ich hatte unglaublichen Hunger. Zum Glück hatte ich am Morgen noch ein fast komplettes Brot in meine Handtasche gepackt. Daran knabberte ich während der Busfahrt. Ich wurde immer nervöser, denn es stand noch nirgends etwas von Fughafen an den Schildern und ich hatte immer weniger Zeit. 40 Minuten bevor mein Flug starten sollte, hielt der kleine Bus vor dem Abflugterminal Vnukovo.

Reiseabschnitt 3: Moskau – Berlin

Koffer schnappen, durch die Sicherheitskontrolle, ab zum Check in Schalter (noch 35 Minuten) – Berlin? Ja! Den Koffer kann ich nicht mehr annehmen, sie müssen zum Sperrgepäckschalter. Ok – weiter zum Sperrgepäckschalter, Koffer abgeben, weiterrennen zur Passkontrolle – Wären sie so freundlich mich vor zu lassen? Ich bin spät dran und bei meinem Fug hat schon das boarding begonnen (noch 25 Minuten) – Gesichter die Unverständnis zeigten aber nickten, warten, warten, warten, Passkontrolle (noch knapp 20 Minuten) – zur Sicherheitskontrolle, schnell alles aufs Band, durch durch den Türrahmen – piiiiieep – Gürtel gezeigt, die Servicedame besteht drauf, dass ich ihn abnehme und noch einmal durch den Türrahmen marschiere – nochmal, alles gut – Gürtel schnappen, in die Handtasche quetschen, Handgepäckkoffer schnappen, zu Gate 31 rennen (noch 15 Minuten) – Erstaunt feststellen, dass vor Gate 31 kein Mensch wartet und auch kein Personal mehr zu finden ist, Fast Resignation, doch dann „Passagiere des Fuges xyz bitte zum Gate 29“ – zu Gate 29 rennen und feststellen, dass das Boarding noch gar nicht angefangen hat, alle stehen aber schon in einer Schlange und warten. Sich beruhigen, eine Cola kaufen, ein Croissant kaufen und essen. Boarding, einsteigen, Sitzplatz 21f, Fenster, cool, hinsetzen, geschafft.

2 Minuten später: Hey, junge Frau, sie sitzen auf meinem Platz! – Oh, Entschuldigung, aber das ist mein Platz: 21f. – Nein, f ist am Gang. – Ich glaube nicht. Schauen sie doch mal hier (Fingerzeig auf das Bildchen). – Nein, d ist immer am Fenster. — Ok, dachte ich mir, wenn der Spinner unbedingt am Fenster sitzen will und eine junge Frau von dort verjagen möchte, bitteschön. Nachdem sich auch noch eine andere Frau einmischte und meinte, d wäre immer am Fenster, sagte ich, dass es mir egal sei und räumte meinen Platz. Ich muss zugeben dass ich entgegen aller Logik ein wenig an mir selbst zweifelte.

Das Flugzeug hob mit etwa 30 Minuten Verspätung ab. Das Personal war sichtlich genervt und ich beobachtete wie ein Steward zu dem anderen sagte “ Warum kommen die anstrengenden Flüge immer zum Schluss der Schicht?“ Ich dachte mir erst nichts dabei, aber als die Russen (Ich tippe hauptsächlich Russlanddeutsche) dann loslegten wurde mir einiges klar: ungefähr jede Frau wollte ein Kissen und eine Decke, bei der Essenvergabe wollten alle Fleisch und Hühnchen ist ja bekanntlich kein Fleisch, dann wollten welche alkoholfreies Bier (???häää???) und andere komische Dinge.

Ich bekam mein Essen zuerst, denn ich hatte bei der Buchung vegetarische Ernährung angeklickt. Die Stewardess die das Sonderessen verteilte kam zu meiner Reihe und sah verstört den russischen Herren auf Platz 21 (f?) an. Dieser beachtete sie nicht weiter. Ich sagte: „Das ist bestimmt für mich“. Sie war verdutzt: „21f? Haben sie sich umgesetzt?“ Ich schüttelte den Kopf: „Nein, aber der Herr war der Überzeugung, dass f immer am Gang ist.“ Sie blickte verständnislos und sagte: „Nein, f ist der Fensterplatz.“ Der nette Herr bekam das mit und guckte ab da an nur noch grimmig durch die Gegend. Ich schwor mir, bei meinem Rückflug auf einen „f“ Platz zu bestehen und richtig Spass zu haben, falls sich wieder jemand meinen Fensterplatz erschleichen will. Ab da an war es eigentlich ziemlich lustig. Das Essen war klasse (vielleicht meinem Hunger geschuldet) und es gab deutsches Bier. Ich verkniff mir die Stewards zu fragen, ob der Stressfaktor ihrer Arbeit mit der Nationalität der Passagiere zusammenhängt. Beim Flug über Berlin sah ich dann das Sonycenter, den Fernsehturm, das rote Rathaus usw usw.

Danach lief alles ohne Probleme ab. Meine Eltern und der coolster aller Coolen haben mich abgeholt und wir sind durch das grüne Brandenburg gegurkt bis wir erst bei meiner Oma und dann zu Hause angekommen sind.

Es war ein Abenteuer, aber ich bin nicht scharf auf eine Wiederholung. 😉

Die ersten zwei Tage in Tomsk

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Ausblick aus meinem Zimmerfenster

Endlich, endlich, endlich geht es los!

Vor nicht einmal 48 Stunden habe ich zum ersten Mal asiatischen Boden betreten. Die Reise nach Sibirien war zwar anstrengend und wir danach total müde und kaputt, dafür hatten wir aber sehr ruhige und angenehme Flüge. Auch gut: Ich kann jetzt von mir behaupten schon einmal in Moskau gewesen zu sein – wenn auch nur für 6 Stunden und nur auf dem Flughafen. 😉

Abgeholt wurden wir von zwei Mädels und einem Mann mit einem unglaublich fetten Auto! Alle waren wenig gesprächig, wir dafür aber um so enthusiastischer. Endlich waren wir angekommen und endlich hieß es nicht mehr sich die Birne über das Wenn und Vielleicht zu zerbrechen. Die Leute fahren hier so dermaßen schnell Auto! Wir haben auch direkt ein Überholmanöver auf der nicht vorhandenen dritten Spur miterleben dürfen. Dann kamen wir im Wohnheim an und durften erstmal den bürokratischen russischen Standards nachkommen bevor wir für ein paar Stunden ins Bett gefallen sind. Danach haben uns unsere Buddys abgeholt und uns die Stadt gezeigt. Ich kann es immer noch nicht fassen: Ich bin hier 6000 km weit weg von zu Hause und es ist alles gar nicht so anders. Unsere Buddys führten uns nach dem Uni- und Interneteinrichtungsgewese in einen super großen Supermarkt. Dort gibt es wirklich alles was das Herz begehrt! Es war ein richtig tolles Gefühl die ganzen Lebensmittel zu erkennen, die ich schon in Kaliningrad gern gegessen habe: Kekse, Wareniki (sowas ähnliches wie Tortellini), Granatapfelsaft, Sirok (Mini Quarkdinger mit Schokoüberzug…eigentlich eine Kindersüßigkeit :-D), usbekisches Brot und vieles mehr. Nach der ganzen Rennerei waren wir erstmal ziemlich kaputt haben zu Haus Wareniki mit Kartoffelfüllung gegessen und sind dann ins Bett gefallen….zZZZZZzzzZZZZ

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Heut haben wir dann die Tour gemacht, die ihr auf dem Foto sehen könnt. Zuerst ging es vom Wohnheim in ein Minirestaurant in dem man Blini kaufen konnte. Man ist das lecker! Ihr dürft neidisch sein! Obwohl ich kein Fleisch esse und vor habe mich hier weitgehend vegan zu ernähren, ist das essen doch echt klasse. Kein vergleich zu meinen ersten Tagen in Kaliningrad, als ich dachte verhungern zu müssen. Nach dem Essen haben wir Passfotos machen lassen: 8 Passfotos gab es für 200 Rubel (etwa 5 €). Eigentlich hatte ich Passfotos in Deutschland machen lassen, aber die hatten nicht die von den russischen Behörden (?) geforderte Qualität. (Was auch immer das genau heißen mag. Ich spekuliere ja, dass die damit nur die heimische Wirtschaft ankurbeln wollen :-D). Danach habe ich mit Lyne einen dicken Spaziergang gemacht. Wir hatten Glück: es waren nur etwa -10 °C und das hält man auch ohne Thermounterwäsche und Handschuhe ganz gut aus. Ich würde sagen es fühlt sich in etwa so an wie 0°C in Deutschland. Wir haben es bis zu dem nördlichen Punkt auf der Karte geschafft, den ich mit dem Achtungzeichen markiert habe. Denn dort ist es passiert: Eine Sekunde nicht aufgepasst und schwupps — Lyne hat sich vor meiner Nase lang gemacht. So etwas wie Split oder Sand sucht man auf den Gehwegen eigentlich vergebens. Vielmehr findet man Schnee und Eis und an dieser Stelle war es besonders vereist und keine Schneeschicht darüber, die das wegrutschen hätte verhindern können. Zum Glück (!!!) ist sie „nur“ auf die Weichteile gefallen und hat sich – dank der Hände in den warmen Taschen – nicht mit den Händen abgestützt. Was wir hier echt nicht gebrauchen können ist ein Krankenhausbesuch. Also Daumen drücken, dass es „nur“ ein blauer Fleck wird. Nach dem Schock haben wir die Marschrutka (Minibus) in Richtung Wohnheim genommen und sind noch zu einem Minirinok (russischer Markt, aber in einem Gebäude weil sonst viiiieeel zu kalt) gegangen (siehe Tomate auf der Karte). Dort haben wir uns ein bisschen umgesehen aber kaum etwas gekauft. Nun wissen wir aber, wo wir Drogerieartikel, billige Klamotten und Süßigkeiten bekommen :-). Auf dem Weg ins Wohnheim ging es dann noch in einen Supermarkt um für Abendessen zu sorgen und ein paar Putzutensilien zu kaufen. Unsere Zimmer werden zwar von einer einigermaßen freundlichen Raumpflegerin geputzt, aber die Küchensituation ist ein wenig umständlich: Wir haben Kühlschränke in den Zimmern und dadurch muss man das Essen immer in die Küche schleppen. Dort gibt es zwar Herde, eine kleine Sitzmöglichkeit und Waschbecken, aber kein Spüli und keine Trockentücher. Außerdem hat jeder sein Geschirr, Besteck und sonstige Kochutensilien wie Töpfe und Pfannen in seinem Zimmer.

Fazit nach Tag 2: Schnee, Schnee, Schnee. Und Tschechow hatte definitiv unrecht!